Jesus antwortete ihm: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand!‘ Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ebenso wichtig ist aber das zweite: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!‘ Alle anderen Gebote und alle Forderungen der Propheten sind in diesen Geboten enthalten.“(Mt 22,37-40)

Jesus fügt hier zwei „Perlen“ aus dem Alten Testament (5 Mos 6,5 und 3 Mose 19,18) zusammen. Was bei Mose scheinbar nur eine Randbemerkung ist, erhebt Jesus zum Kern der Forderung Gottes an den Menschen. Betrachten wir zuerst den zweiten Teil, wo es um die Liebe zum Nächsten und zu sich selber geht. Man kann diese Stelle so verstehen, dass wir uns selber zuerst ausreichend lieben müssen, bis wir fähig sind, andere in gleichem Maß zu lieben. Viele kommen aber über das Stadium der Selbstliebe nie hinaus.

Aber auch wenn wir unsere Nächsten wie uns selber lieben, stehen wir doch in der Spannung, wieviel wir uns denn selber und wieviel wir den Nächsten lieben sollen. Oft scheint beides gleichzeitig nicht möglich zu sein. Nehme ich mir jetzt Zeit für mich allein, oder habe ich Zeit für die Anliegen des Anderen? Gebe ich Geld für mich aus oder spende ich es für Menschen in Not? Muss ich nicht in gewissem Maß ein Egoist sein, um mich nicht aus lauter Hilfsbereitschaft zu überfordern?

Ich schlage einen anderen Ansatz zur Interpretation vor, basierend auf der alternativen Übersetzungsmöglichkeit „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ (Deutschjüdische Bibelübersetzung „Die Schrift“, Martin Buber und Franz Rosenzweig) Hier kommt deutlicher zum Ausdruck, dass es nicht um eine quantitative Balance geht zwischen der Liebe, die ich mir selber gönne und jener, die ich für andere „opfere“.  Es ist vielmehr eine Anleitung, zu verstehen, was der andere braucht. Er ist wie ich. In diesem Sinn sagt Jesus auch: Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12)

Weil wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen, können wir besser dazu beitragen, dass sie bei anderen gestillt werden. Gott stillt sie bei unserem Nächsten, genauso wie bei uns. Aber er setzt oft uns dafür ein. So gesehen bedeutet „Liebe deinen nächsten wie dich selber“ eben nicht, das Quantum an Liebe, das ich aufbringen kann, gleichmäßig auf mich und meinen Nächsten zu verteilen. Diese „Liebesaufteilung“ bringt mich ständig in einen Konflikt. Helfe ich der alten Nachbarin, die Einkäufe nach Hause zu tragen oder nutze ich die Zeit, um noch ein wenig für mich Shoppen zu gehen? Dieser Zwiespalt bedeute, dass ich zwischendurch ein Egoist sein muss, um nicht zu kurz zu kommen. Ich kann in vielen Fällen nur entweder mich oder meinen Nächsten lieben. Während ich mich liebe, entziehe ich oft dem anderen meine Liebe. Hat Jesus das wirklich so gemeint? In seinem Leben können wir sehen, was Nächstenliebe in Vollendung ist.

Jesus hatte nicht immer nur Zeit für andere. Oft hat er sich zurückgezogen, um allein zu sein und Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater zu pflegen. Jesus ist nicht auf alle Wünsche und Forderungen seiner Mitmenschen eingegangen, sondern hat sie oft klar zurückgewiesen (siehe Joh 2,4). Jesus hat auch nicht immer sofort geholfen, wenn Menschen in Not waren. Als er mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth in einen Sturm geriet, hatten seine Jünger panische Angst. Doch Jesus schlief im Schiff. Sie weckten ihn und schrien: „Meister, Meister, wir kommen um!“ (Lk 8,24)

Ich gehe davon aus, dass Jesus wusste, dass ein Sturm kommen würde. War es nun Egoismus, dass er seinem Bedürfnis zu schlafen nachgab, statt seine Jünger vor dieser Bedrohung zu schützen? Nein, denn es ging für Jesus nicht darum, ob nun sein Schlaf oder die Sicherheit seiner Jünger Vorrang hatte. Er war nicht in der Zwickmühle, entweder seinen Egoismus auszuleben und zu schlafen, oder für seine Jünger zu sorgen. Er konnte ruhig schlafen, weil er wusste, dass sein himmlischer Vater über ihm und seinen Jüngern wachte. Sein Einsatz war zu diesem Zeitpunkt nicht nötig.

Gott ist unser Disponent. Er setzt uns ein für unsere Nächsten, aber er gönnt uns auch Ruhe, Erholung, Entspannung, Genuss usw. Er weiß in vollkommener Weise, wann wer was nötig hat. Sofortige Bedürfnisbefriedigung bei unseren Nächsten entspricht nicht Gottes Willen. Und nicht alle ihre Bedürfnisse sind solche, die überhaupt gestillt werden sollen. Wie können wir also wissen, ob unser Einsatz dran ist oder nicht? Wir müssen uns von Gott disponieren lassen! Wenn wir uns ihm ganz zur Verfügung stellen, dann treibt er uns sicher nicht in den Burnout oder den Ruin. Das sind vielmehr Symptome unserer Selbst-Strategien. Wagen wir es, uns Gott ganz zur Verfügung zu stellen, damit er durch uns unsere Nächsten lieben kann! Wenn wir davor zurückschrecken, dann deshalb, weil wir denken „Gott überfordert mich“, „Gott hat es nicht im Griff, mich gut zu leiten“, „unter Gottes Leitung wird man durch Leid und Entbehrung ausgezehrt.“ War das so bei Jesus? Oft hat er mit Menschen ausgelassen gefeiert, gegessen und getrunken – Angefangen bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11), über die Party bei Matthäus (Mt 9,10), bis hin zum letzten Abendmahl mit seinen Jüngern. Ja, Jesus hat auch gefastet. Er hat Leid und Entbehrung erlebt. Aber er konnte auch genießen und sich bedienen lassen und dabei seine Nächsten voll und ganz lieben; so beispielsweise als Maria seine Füße mit kostbarem Nardenöl salbte (siehe Mt 26,6-10, Joh 12,1-8).

Die Forderung, sich selbst zu lieben, ist in einer zum Narzissmus neigenden Kultur überlaut zu hören. Sie gilt aber auch in der seelsorgerlichen Praxis als Voraussetzung, den Nächsten lieben zu können. Ich setze diesem Trend eine andere These gegenüber: Die entscheidende Frage ist nicht, ob ich mich selber lieben kann, sondern ob ich mich geliebt fühle! Zwischen diesen beiden Sichtweisen besteht ein großer Unterschied. Zwar frage ich mich in beiden Fällen, wie es mir geht. Aber im einen Fall bin ich auf mich selber zurückgeworfen und im anderen sehe ich mich in der Beziehung zu jemandem. Wenn Selbstliebe die Lösung ist, dann muss ich etwas leisten, um mir diese Liebe zu geben. Wenn ich mich aber danach ausstrecke, geliebt zu werden, dann ist Gott als die unerschöpfliche Quelle der Liebe die (Er-)Lösung. Keine Lösung ist die Erwartung, dass Menschen mir genug Liebe geben.

Indem nun Jesus die Liebe zu Gott der Nächstenliebe voranstellt, weist er uns einen Weg, wie wir diese Forderung erfüllen können. Der Weg zur Nächstenliebe ist nicht die Selbstliebe. An vielen Stellen betont die Bibel, dass Gott Liebe ist (1 Joh 4,8.16), uns schon immer geliebt hat (Jer 31,3), dass er uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19) und dass er alle Menschen liebt (Joh 3,16). Das ist die allgegenwärtige, unumstößliche Grundlage: Wir sind geliebt! Da ist keine Forderung, die wir erfüllen müssten, um geliebt zu sein. Wir können uns also in jeder Lebenslage geliebt fühlen – oder besser gesagt: Wir könnten uns geliebt fühlen. Warum fühlen wir uns nicht immer so? Weil wir Gott nicht lieben! Gott zu lieben ist nicht die Anforderung, die er an uns stellt, damit er uns liebt. Gott zu lieben ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns geliebt fühlen, weil Liebe nur durch Gegenseitigkeit zum Tragen kommt. Wer jemanden hasst, von dem er geliebt wird, bei dem kommt kein bisschen Liebe an. Gott kann uns permanent überschwänglich und vollkommen lieben, ohne dass wir jemals etwas davon spüren. Deshalb nennt Jesus zuerst die Forderung, Gott zu lieben. Dann werden wir seine Liebe fühlen und in der Lage sein, diese Liebe an unseren Nächsten weiterzugeben.